
Agadmodar stiess die Tür zum Thronsaal auf. Die Schutzzauber hüllten ihn in eine Aura der Macht, kein profaner Kämpfer hätte ihn besiegen können. Urta schlüpfte hinter ihm in den Saal, drei Wurfdolche in der Linken.
„Agad“, rief Varvan erleichtert. Der Prinz sass auf einem samtbezogenen Stuhl. Blut tränkte sein Beinkleid, doch er schien nicht ernstlich verwundet. Raxanas Knappin Charis hielt ihm eine ihrer Streitäxte an den Hals. Fibb stand drei Schritt neben ihm, seine Zofe Jedranne hielt ihn tröstend umklammert im Schoss.
Auf dem Thron sass eine bullige Gestalt in dunkler Rüstung – der Schwarze Ritter. Zu seiner Rechten, eine Hand auf die Thronlehne gestützt, stand Xorvak, der Ausgestossene, der Dha’Emone aus Zorbing, auf dem der Fluch der Götter lastete. Er trug eine Robe in mattem, fleckigem Gelb. Zur Linken des Ritters stand Kha’Gorak, der Minotaur, Herrscher der Lyrgarder Unterwelt. Er war in ein violettes Cape gehüllt. Vier weitere Kämpfer hielten sich an der Seitenwand, die Blicke auf Agads Hände gerichtet. Zwei gefesselte Körper – König Dartan und seine Gemahlin Nerai – lagen vor dem Thron.
Der Schwarze Ritter erhob sich. Xorvak keckerte, wandte sich ab und nestelte an einem Beutel, den er am Gurt trug. Kha’Gorak zog seine Axt und wog sie in den kräftigen Pranken.
„Charis“, sagte Agadmodar zur Roten Knappin. „Du hast deine Meisterin erschlagen. Du wurdest auf den Pfad zum Dha’Emon gelockt. Solange du Dhorvar nicht anrufst, ist dein Emon zu retten. Hilf uns jetzt, dann führen wir dich auf den rechten Weg zurück.“
Die Angesprochene schluckte leer. Xorvak keckerte wieder. Der Dha’Emone drehte sich zum Königspaar und pustete in seine Faust. König Dartan und Königin Nerai begannen sich zu winden und zu wimmern.
„Nein!“, rief Prinz Varvan und wollte aufstehen, doch Charis drückte ihn zurück auf den Stuhl. Prinz Fiselbert vergrub sein Gesicht im Ärmel der Zofe.
„Ich habe meine Wahl getroffen, Weisser Ritter.“ Charis stellte sich so hinter Varvan, dass der Prinz ihr als Schild vor Urtas Wurfdolchen diente.
Agadmodar preschte vor. Es brachte nichts, mit dem Schwarzen Ritter und dessen Prisma zu feilschen. Er hoffte, den Gegner zu überrumpeln.
Agads Schwert fuhr auf den Schwarzen Ritter nieder, doch der parierte ohne Mühe, wie es Agad erwartete. Er nahm den Schwung des Angriffs mit, drehte sich am Schwarzen Ritter vorbei und schnellte vor, sodass die Klinge durch den verdutzten Dha’Emonen Xorvak fuhr.
Ein Wurfdolch sirrte durch den Saal und traf einen der Waffenknechte in den Hals. Urta klackte mit der Zunge und trällerte Vi’Enns Kampfschrei. Zwei weitere Dolche fanden ihr Ziel, zwei Waffenknechte fielen, noch bevor sie ihre Waffen gezogen hatten. Urta warf sich zur Seite und wich Kha’Goraks Axt aus, die in den hölzernen Boden fuhr. Urta trällerte triumphierend und zog Ri-Sai und Lo-Sai, ihre dreizackigen Gabeldolche.
Agad zog an seinem Schwert, das in Xorvak steckte, doch die Waffe liess sich nicht befreien. Der Dha’Emone keckerte Agad ins Gesicht, ehe die Illusion zerfloss und das Keckern erstarb. Die Klinge steckte in der Luft fest, gefangen von der Dha’Emonie Xorvaks. Agad liess los und warf sich zur Seite, als der Schwarze Ritter nach ihm schlug. Sein Blick suchte Xorvak, doch der Dha’Emone musste seinen Körper mit der Luft verbunden haben, um kein Ziel zu bieten. Agad rief Lyr’Emons Schild und blockte den nächsten Schlag, der auf ihn niederfuhr.
Urta setzte Kha’Gorak mit schnellen Stichen zu, die seine Rüstung und sein Fell jedoch kaum zu durchdringen vermochten. Seinen wuchtigen Attacken wich sie mit Leichtigkeit aus, aber ihre bevorzugte Taktik, die Waffe des Gegners mit Lo-Sai zu binden, konnte sie gegen eine so grosse Waffe nicht anwenden. Xorvak keckerte, und auf einmal klebte Urtas rechter Stiefel am Boden fest. „Agad!“, rief sie, als Kha’Gorak zum nächsten Schlag ausholte.
Der Weisse Ritter liess Rhovarrs Rüstung schwinden, um einen neuen Zauber des Zorns zu wirken. Er schleuderte dem Minotauren einen Feuerball entgegen, der ihn gegen die Wand schmetterte. Der Geruch von verbranntem Huf, Horn und Haar wallte durch den Saal. „Zofe, bring Fibb in Sicherheit“, brüllte Agad und blockte den nächsten Schlag des Schwarzen Ritters.
Jedranne schreckte auf und packte Fibb am Arm. Sie zerrte ihn zur Tür, doch der letzte Waffenknecht wollte sich ihr in der Weg stellen. Varvan streckte den Fuss aus und brachte ihn zu Fall, worauf ihn Charis mit dem Axtknauf gegen die Schläfe schlug und der Prinz erschlaffte.
Xorvaks magischer Griff um Agads Waffe schwand, das Schwert fiel scheppernd zu Boden. Agad täuschte einen Hechtsprung zur Waffe an. Der Schwarze Ritter schlug an die Stelle, wo Agads Kopf gewesen wäre, hätte er tatsächlich versucht, zu seinem Schwert zu gelangen. Stattdessen rollte sich der Weisse Ritter in die andere Richtung, schnellte hoch und nutzte die gewonnenen Sekunden für einen Zauber: Der Waffenknecht, der den Mantel der Zofe gepackt hatte, begann sich von Ekel ergriffen zu winden. Würmer, Spinnen und Käfer krochen aus seinem Wams und suchten sich einen Weg zu seinem Mund. Kreischend ging er zu Boden. Jedranne, die Zofe, riss Fibb mit sich und erreichte die Tür.
„Charis!“, brüllte der Schwarze Ritter nur, bevor er zum nächsten Hieb ausholte. Die Rote Knappin stürzte den Flüchtigen hinterher.
Urta hatte das Emon ihrer Göttin angerufen und den Fuss von Xorvaks Fessel befreit. Sie stürmte auf den benommenen Kha’Gorak zu, der sich gegen die Wand lehnte. Mit einem Trällern stach sie nach der ungeschützten Stelle in der Achselhöhle. Doch der Minotaur hatte die Benommenheit nur gespielt, und als Urta heranbrauste, zog er einen versteckten Dolch und rammte ihn ihr in die Seite.
Das Trällern erstarb. Urta stolperte rückwärts und liess Lo-Sai fallen. Sie tastete nach der Wunde, doch als sie sah, dass sich Kha’Gorak aufrappelte, schnellte sie vor und rammte ihm Ri-Sai in den Hals. Dann brach sie zusammen. Sie kroch auf allen Vieren zu der Stelle, wo Lo-Sai lag, und griff mit kraftloser Hand nach der Waffe. Ein Keckern ertönte und sie sah den Saum einer schmutzgelben Robe vor sich.
„Urta“, rief Agad. Der Schwarze Ritter hieb mit unaufhörlicher Kraft auf ihn ein und liess ihm keine Zeit zum Atmen. Der Finstere musste ebenfalls mehrere Zauber auf sich gewirkt haben, sonst wäre er längst erschöpft gewesen. Doch Agad musste Urta helfen! Er rief sein letztes Emon an. „Sarenni, der Schöne, der Weise, der Begierige, gib mir, was mein ist!“ Agads Schwert flog durch den Thronsaal und landete in seiner Hand. Er überrumpelte den Schwarzen Ritter mit einem Vorstoss und landete einen Treffer. Der Schwarze Ritter taumelte zurück. Agad spürte den Impuls, nachzusetzen und den Gegner jetzt, wo er geschwächt war, zu besiegen. Stattdessen blickte er sich nach Urta um.
Die Violette Ritterin kniete vor Xorvak. Die eine Hand presste sie auf die Wunde, die andere hielt Lo-Sai schützend zwischen sie und den Dha’Emonen. Xorvak ging zwei Schritte nach rechts, dann zwei nach links, und dabei verschwamm sein Körper, teilte sich, teilte sich erneut, bis sechs Xorvaks die Ritterin umstellt hatten. Keiner davon hielt eine Waffe, doch alle fingen an zu keckern. Urta presste sich die Hände auf die Ohren.
Agad eilte zu ihr, am bloss noch schwach zuckenden Waffenknecht vorbei, rammte einem Xorvak den Schild in den Rücken und schlug einem weiteren Xorvak den Kopf von den Schultern. Breitbeinig stellte er sich vor seine verwundete Gefährtin.
Die Xorvaks zogen einen Dolch, griffen jedoch nicht an. Sie machten Platz für den Schwarzen Ritter. „Deine Emons sind ausgeschöpft, alter Mann“, sagte der. „Du hast verloren.“
„Das helle Prisma bricht nicht so leicht“, erwiderte Agad. „Du hättest noch viel zu lernen, wenn wir dich nicht töten müssten.“
Keine Regung war dem Schwarzen Ritter anzusehen. Das Visier verhinderte den Blick auf seine Gefühle.
Schritte waren draussen vor der Tür zu hören. „Das sind Fentan und Gerschal“, sagte Agadmodar. „Sie bringen die Hammergarde mit. Du solltest dein letztes Emon nutzen, um zu flüchten, solange du kannst.“
„Du weisst nichts über meine Emons.“ Der Schwarze Ritter deutete zur Tür, die auf seinen Befehl hin aufschwang.
Agad und Urta wandten den Kopf und machten sich bereit, den Kampf mit der eintreffenden Verstärkung zu Ende zu führen. Statt Fentan und Gerschal traten jedoch Charis, Fibb und die Zofe in den Saal. Fibbs Blick wanderte wirr durch den Raum und blieb am bewusstlosen Varvan hängen. Er wollte zu ihm laufen, doch Jedranne hielt ihn zurück. Die Zofe hatte Blut im Gesicht und an ihrem Kleid, Charis musste sie hart geschlagen haben.
Die Rote Knappin warf einen langen Stab mit blauen Bändern auf den Boden. „Ich habe mehr gefunden, als ich gesucht habe.“
Agads Blick haftete an dem Stab. „Was hast du Fentan angetan“, flüsterte er. Seine Fingerknöchel traten weiss hervor, als er den Schwertgriff umklammerte.
„Seine Goldene Stund’ hat geschlagen“, sagte Charis. „Gerschals übrigens auch.“ Ihre Stimme wirkte trotzig, wie die einer Halbwüchsigen, die gegen ihre Eltern aufbegehrte.
„Dafür töte ich euch alle.“ Agad spürte, wie Rhovarrs Feuer in ihm aufloderte und die anderen Emons zu erlöschen drohte. Aoro entglitt ihm bereits, und er liess es geschehen, denn er wollte den Zorn spüren, er konnte sich nicht der Trauer stellen. Auch Talikki, die jugendliche Unbekümmertheit, schmolz in seinem Zorn dahin. „Urta, decke meinen Rücken.“
Urta antwortete nicht.
Agad wandte sich zu ihr um, doch dort, wo sie eben noch gestanden hatte, zeugte nur noch ein Blutfleck von ihrer einstigen Anwesenheit. Sie musste ihr Emon genutzt haben, um zu entkommen. Agad keuchte. Rhovarrs Feuer verpuffte. Die Leere füllte sein Emon.
„Und so bricht das helle Prisma doch“, sagte der Schwarze Ritter. Fünf Xorvaks keckerten und stürzten sich mit ihren Dolchen auf Agadmodar.
Agad schlug nach dem Ersten, verfehlte ihn aber. Er wollte den Zweiten blocken, doch er war zu langsam. Seine Emons waren erloschen, und er begriff, dass er ohne sie nicht mehr war als ein alter Mann mit einem viel zu schweren Schwert.
Tausend feige Nadelstiche der Xorvaks zwangen Agad in die Knie. Das Schwert entglitt seinen Fingern und Lyr’Emons Schild verblasste, als ein Stich in seinen Unterleib fuhr. Der Weisse Ritter kippte zur Seite, helles Blut rann aus seinen Wunden.
„Soll ich ihn erlösen?“, fragte Charis. Nur Agad hörte den Klang der Schuld durch die Härte ihrer Worte.
Der Schwarze Ritter hob die Hand. „Er soll ausbluten wie Schlachtvieh. Er soll sehen, was geschieht.“ Er trat auf Prinz Fibb zu.
Jedranne hielt den Jungen schützend umklammert und fauchte den Schwarzen Ritter an. Der murmelte eine Anrufung, worauf sich Jedranne an den Hals griff und zurücktaumelte. „Nicht den Jungen, doch nicht den Jungen“, wimmerte sie erstickt und kauerte sich gegen die Wand.
Fibb blickte verständnislos hoch zu den leeren Höhlen im schwarzen Visier des Ritters. Er hielt das Windrad umklammert, das Jedranne mit ihm gebaut hatte.
Der Schwarze Ritter musterte ihn, dann schritt er um ihn herum zu Varvan, der reglos zusammengesunken war. Er packte ihn mit seiner gepanzerten Faust und rüttelte ihn ins Bewusstsein.
„Habt Ehre, tut es schnell“, flüsterte Agad. Niemand schien ihn zu hören, auch nicht Charis, die neben Agads Kopf stand.
Varvan zuckte zusammen, als er den gefallenen Paladin sah. Verstehen zeichnete sich in seiner Miene ab, und er schien sich seinem Schicksal zu fügen. Als sein Blick zu seinen Eltern wanderte, erstarrte er. Xorvak keckerte.
Der Prinz fuhr hoch und stürzte zu seiner Mutter. Er hob ihren leblosen Kopf an und bettete sie in seinen Arm. Ihr Gesicht war eingefallen, fahle Haut spannte sich über blassen Knochen. Leere Augenhöhlen starrten ins Nichts, ihre Zähne bleckten sich zu einem Grinsen.
Varvan begann ein Lied zu summen, als er ihren Kopf auf den Boden bettete und zu seinem Vater ging. Es war das Lied der Goldenen Stund’, das die Seele der Verstorbenen zur Göttin Aoro geleiten sollte. Der Schwarze Ritter und Xorvak schauten zu, der eine teilnahmslos, der andere mit spöttischem Grinsen. Nur Charis schien Varvans Treiben unangenehm. Sie stapfte auf ihren Gefangenen zu.
„Warten soll sie, ja?“, hisste Xorvak. „Singen soll er, ja? Sein Emon füllen, sein Leid beschwören.“ Er leckte über die wulstigen Lippen.
Derweil hatte Varvan die erste Strophe beendet. Ohne sich umzudrehen sagte er: „Fibb, komm nicht her. Geh zu Jedranne.“ Dann sang er weiter.
Agad schloss die Augen und summte mit. Er begriff, dass das Lied nicht nur König Dartan und Königin Nerai galt, sondern auch ihm. Er suchte Kontakt zu seinem Emon, doch der Stich hatte es erkalten lassen. Er war nurmehr ein profaner Mann. Ein sterbender Mann.
Als Varvan zur dritten und letzten Strophe ansetzen wollte, sagte der Schwarze Ritter: „Genug.“ Varvan erhob sich vom Leichnam seines Vaters, starrte dem Schwarzen Ritter ins Visier und sang weiter.
„Genug“, sagte auch Xorvak und rieb sich die Hände. Er nickte Charis zu. „Sie soll ihn schlagen, ja?“
Die Rote Knappin trat zu Varvan und schlug ihn mit dem Panzerhandschuh ins Gesicht. Er verstummte, stolperte über die beiden toten Körper und fiel der Länge nach hin.
Ein Fiepen durchbrach die Stille. Es wurde zu einem Kichern, einem Hecheln und dann zu einem irren Lachen. Der Schwarze Ritter blickte streng zu Xorvak, doch der Dha’Emone schaute selbst verwirrt umher und suchte die Quelle des Lachens.
Fibb riss sich von Jedranne los. Er wälzte sich am Boden und japste nach Luft. Dann zerschnitt ein weiterer Lacher die Luft, Fibb jaulte wie ein Hund und hielt seinen Unterleib.
„Wieso lachst du?“, fragte Charis.
„Er … er …“ Fibb zeigte auf seinen gestürzten Bruder. „… er ist so lustig hingefallen.“ Fibb zerrte an seinen Haaren und greinte. Sein Heulen wurde lauter, seine Stimme überschlug sich. „Er ist über die beiden Gerstensäcke gefallen.“ Fibb zeigte auf seine toten Eltern. Er lachte und lachte, hielt sich den Bauch, sein Gesicht zu einem stummen Schrei verzerrt.
Jedranne streckte die Hand nach ihm aus, zog sie aber zurück, als ein dumpfes Schnarren aus Fibbs Bauch drang. Fibbs Augen drehten sich nach oben und er sank zusammen.
Alle Augen wandten sich Varvan zu.
Xorvak keckerte leise, als er das Gesicht des erschrockenen Prinzen sah. „Er weiss, was er gesehen hat, ja?“, sagte er zu Varvan. „Das war das Brechen eines Emons, ja? Zuviel Schmerz, zuviel Neues. Zuviel, zuviel, selbst für ihn.“
Varvan richtete den Blick von Fibb auf Xorvak. „Was meinst du damit, selbst für ihn?“
Xorvak nestelte an einer schweren Kette, die um seinen Hals hing. „Hatte er das stärkste Emon von uns allen, ja? Hat dein Meister nicht erkannt, ja?“ Xorvak deutete auf Agad. „Hat er einen guten Knappen erwählt in dir, ja? Hätte er einen Besseren haben können.“
„Genug jetzt.“ Der Schwarze Ritter hieb die Faust gegen die Lehne des Throns. „Xorvak, nimm dir, was versprochen war. Wichtige Aufgaben warten.“
„Sie macht ihn fest, ja?“, sagte Xorvak zu Charis und deutete auf Varvan. Dann wühlte er in einem seiner zahllosen Beutel.
Charis zwang dem Prinzen die Arme auf den Rücken und fesselte ihn an den Stuhl.
Xorvak stellte sich vor Varvan und rief sein Dha’Emon. Ein faulig gelbes Leuchten erfüllte ihn, umhüllte ihn, waberte in der Luft und formte grelle, triefende Greifarme. Diese Arme streckten sich in Varvans Richtung, umspielten sein hübsches Gesicht, seine blonden Haare, seine kräftigen Arme. Dann schlangen sich die Tentakel um ihn, schlugen sich in seinen Leib, hoben ihn mitsamt dem Stuhl in die Luft und begannen zu trinken.
Varvan hielt Schmerz und Ekel stand. Doch als er sah, was mit seinen Armen geschah, fing er an zu schreien. Die Haut wurde faltig und fahl, das Gesicht überzog sich mit Pusteln, ein grüner Schimmer legte sich auf die Augen. Varvans Rücken wölbte sich, Adern schwollen, Knochen knackten, Sehnen barsten.
Xorvak sonnte sich in seinem Werk. Die Tentakel führten ihm Varvans Lebenskraft zu und er sog sie gierig auf. Sein Rücken streckte sich, die schlaffen Muskeln füllten sich mit Jugend. Die grauen Haare wuchsen zu einer schwarzen Mähne, das greise Keckern wurde zu einem tiefen Lachen.
Die Tentakel liessen Varvan los. Der Stuhl zerbrach beim Aufprall und Varvans geschundener Leib stürzte leblos zu Boden. Ein dumpfes Schnarren erklang. Xorvak blickte zu Fibbs Zofe. „Zuviel, ich weiss“, sagte er zu ihr mit tiefer, wohlklingender Stimme, als sich auch ihre Augäpfel himmelwärts drehten und sie neben Fibb zu Boden sank. „Einfach zuviel.“
„Meister“, sagte Xorvak zum Schwarzen Ritter. Ich beanspruche meinen Platz im dunklen Prisma.
„Er sei dir gewährt. Nenne dich fortan der Gelbe Ritter. Und du, Charis, sollst das rote Gewand deiner alten Herrin tragen. Bringt die Leichen des Königspaars und des Prinzen zur Abdeckerei, sie sollen neben den Tierkadavern verrotten.“
„Was geschieht mit dem anderen Prinzen und dem Paladin?“, fragte Charis.
„Was kümmert mich das Schicksal eines gebrochenen Knaben“, sagte der Schwarze Ritter unwirsch und stapfte auf Agadmodar zu. „Tue mit ihm, was dir beliebt.“ Er ging vor Agad in die Hocke. „Geht jetzt. Ich folge Euch, wenn ich die Augen des Paladins habe brechen sehen.“
Xorvak und Charis schleppten die leblosen Körper aus dem Lyrgarder Thronsaal. Der Schwarze Ritter betrachtete den sterbenden Paladin, blickte in die halbgeöffneten Augen und lauschte dem schwindenden Herzschlag. Er öffnete die Schnallen seines Visiers und klappte es hoch.
Agad riss die Augen auf. „Wie …“, murmelte er. Dann überwältigte ihn die Kälte, und es wurde finster.
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